Interview mit Bernd Osterloh

„Innovation ist für mich eine ganz entscheidende Zukunftsfrage.“

 
Bernd Osterloh

VW macht blendende Geschäfte. Den Arbeitnehmern des Unternehmens geht es gut, verglichen mit denen in anderen Branchen sowieso. Das Dümmste wäre es doch, jetzt den Kurs zu wechseln. Es kann doch nur heißen: Kurs halten. Oder?

Bernd Osterloh: Ja. Denn wir haben den Kurs schon gewechselt: 2006/2007. Da kam erst Horst Neumann, dann Martin Winterkorn, mit Unterstützung der Arbeitnehmervertreter, da kam eine neue Mannschaft. Da wurde in der Folge wieder mehr und schneller entschieden. Und es kam zu unserem Zukunfts-Tarifvertrag, mit dem der Betriebsrat, die Arbeitnehmer mehr Möglichkeiten haben, bei Produkten, bei der Arbeitsplatzgestaltung mitzureden. Das war unser Kurs-Wechsel bei VW, unter kräftiger Beteiligung der Arbeitnehmer.

In der öffentlichen Meinung heißt es: Warum hat die Automobilindustrie nicht früher Autos hergestellt, die der Umwelt und Natur weniger schaden?

Bernd Osterloh: Die Automobilindustrie hat in den letzten Jahrzehnten gerade in Europa große Fortschritte bei der Senkung des Spritverbrauchs gemacht. Das sollte nicht vergessen werden. Für uns bei Volkswagen ist klar: Wir wollen Autos mit einem hohen ökologischen Anspruch entwickeln und herstellen. Dazu trägt unsere Technik bei, denn sie hilft beim Spritsparen: Nehmen wir nur unsere elektromechanische Lenkung oder auch unser DSG-Getriebe. Beide Hightech-Produkte tragen zur Verbrauchsreduzierung bei und erhöhen gleichzeitig den Fahrkomfort. Es geht aber auch darum, CO2-Emissionen bei der Herstellung der Fahrzeuge zu senken. Auch da sind wir auf einem guten Weg.

Das ist also sehr wohl ein Thema, bei dem der Betriebsrat das Management antreibt ...?

Bernd Osterloh: ... Nicht nur da. Wir kümmern uns genauso um unsere Produkt-Palette. Es gibt bei uns zwei Innovationsfonds, jeder mit 20 Millionen Euro pro Jahr ausgestattet. Da kann man schon was machen. Was können wir Neues innerhalb der Auto-Wertschöpfungskette anpacken und was außerhalb dieser Kette? So sind Gabelstapel- und Schiffsmotoren für uns ein Geschäftszweig geworden, ebenso wie die Produktion von Blockheizkraftwerken. Und auch die Anschub-Finanzierung für die Batteriesysteme für den E-Up, die künftig im Werk Braunschweig gefertigt werden, ist über diesen Fonds gelaufen.

Meistens sehen in den Unternehmen die Fronten so aus: Das Management will möglichst schnell hohe Renditen. Der Betriebsrat kämpft für eine langfristig angelegte soziale Unternehmenspolitik. Wie verlaufen die Fronten bei VW?

Bernd Osterloh: Es hat was zu sagen, dass der Vorstand eine Strategie 2018 verabschiedet hat. Diese zeitliche Perspektive hat ja schon mit Nachhaltigkeit zu tun. Und ein Ziel lautet: VW will ein Top-Arbeitgeber sein. Dazu gehören nicht nur sichere und ergonomische Arbeitsplätze und eine ordentliche Bezahlung, dazu gehört es auch, dass sich die Beschäftigten wohlfühlen in und mit ihrem Unternehmen. Ich bin sicher, dass sie das nur tun, wenn ihr Unternehmen vernünftig wirtschaftet, wenn sie mitreden und mitbestimmen können, wenn der Ausgleich der Interessen großgeschrieben wird. Das ist bei VW der Fall. Und deshalb sage ich auch bewusst als Mitglied des Vorstandes der IG Metall: Ich wünsche mir, dass es in diesem Sinne mehr VW in der Wirtschaft gibt. Wenn es eine klare Mehrheit von Managern geben würde, die positiv zur Mitbestimmung steht. Denn Mitbestimmung ist erst einmal nur auf dem Papier niedergeschrieben. Die muss aber tagtäglich gelebt werden. Bei Volkswagen leben Beschäftigte, Management und Betriebsrat Mit - bestimmung.

VW schafft viele Arbeitsplätze in Brasilien, China, Indien und anderswo. Da herrschen dann wohl viel schlechtere Bedingungen als in Wolfsburg?

Bernd Osterloh: Überall wo VW ist, versuchen wir, im oberen Bereich – mindestens aber in der Mitte – zu sein, was Löhne, Qualität der Arbeitsplätze und Ausbildung anbetrifft. Es soll und darf bei uns keine Zweiklassen- gesellschaft geben. Wir haben eine Charta der Arbeitsbeziehungen abgeschlossen. Da sind Informations- und Beteiligungsrechte weltweit verbindlich niedergeschrieben. Diese Charta ist vom Konzern-Vorstand, dem Welt- Konzernbetriebsrat und dem IMB unterzeichnet worden. Das zeigt, dass unser Vorstand weiß: Dort, wo Arbeitnehmer beteiligt werden, werden gute Produkte hergestellt, sind die Leute motiviert. Ganz wichtig ist: Bei VW kann ohne Zustimmung der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat kein Standort geschlossen und keiner neu gegründet werden. So können wir verhindern, dass die Beschäftigten an den Standorten gegeneinander ausgespielt werden. Auch das ist ein „Verkaufs- und Exportschlager“ von VW: dieses entscheidende Mehr an Betriebsdemokratie.

Hast Du ein persönliches Kurswechsel-Projekt? Vielleicht vom Auto aufs Fahrrad umsteigen?

Bernd Osterloh: Nie. Ich will vielmehr etwas beibehalten: Wir diskutieren hier viel, oft strittig, im Betriebsrat, in unserem Team, auf den Versammlungen im Betrieb. So werden wir in Bewegung gehalten. Das Thema Innovationsfonds ist so entstanden, die Zukunftsstrategie des Betriebsrates, die Charta der Arbeitsbeziehungen, der erfolgreiche Widerstand gegen den Übernahmeversuch von Porsche. Das will ich beibehalten, damit wir immer wieder auf gute Ideen kommen.

Muss sich die IG Metall ändern?

Bernd Osterloh: Sie sollte internationaler werden. Jede Abteilung muss sich an internationaler Arbeit beteiligen. Denn wir brauchen die Zusammenarbeit mit den Belegschaften weltweit und deren Gewerkschaften. Zu oft noch sind wir uns als IG Metall genug.