Interview mit Gaby Dorsten

„Maßlos ärgert uns, dass in der Krise Millionen an Dividendenzahlungen an die Aktionäre geflossen sind; Geld, das in dieser Lage besser im Unternehmen geblieben wäre.“

 
Gaby Dorsten

Pierburg ist in Gewerkschaftskreisen berühmt geworden durch den zweiwöchigen Arbeitskampf der Frauen im Jahre 1973. Ist das heute noch bekannt?

Gaby Dorsten: Bei uns ja. Das gehört zu unserer Tradition. Damals haben die Frauen die Leichtlohngruppen weggestreikt, mit denen sie benachteiligt wurden. Das nützt uns bis heute. Die Belegschaft gilt seitdem als durchsetzungsstark und immer für eine Überraschung gut.

Wie steht es mit den Frauen heute?

Gaby Dorsten: Im Produktionsbereich wird gleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt. Bei den Angestellten könnten mehr Frauen in Führungspositionen sein. Da haken wir immer wieder mal nach. Die IG Metall ist inzwischen in dem Thema ja ganz gut aufgestellt. Bei uns ist die Frage weiterhin präsent.

Hat sich der Aufbau der Belegschaft sehr verändert?

Gaby Dorsten: Ja. Wir sind ein Zulieferbetrieb für die Autoindustrie und stellen unter anderem Magnetventile her. Als ich 1977 angefangen habe, hatte der Betrieb 4.500 Beschäftigte, davon fast 4.000 in der Produktion. Von denen waren die Mehrzahl Frauen. Heute sind wir noch knapp 1.000 Beschäftigte – davon nur noch 350 in der Fertigung und 300 in der Entwicklung. Obwohl die Produktion nicht zurückgegangen ist, im Gegenteil. Daran sieht man, wie die Automatisierung zugenommen hat und die Produktivität gestiegen ist.

Wie seid Ihr über die Finanzmarktkrise gekommen?

Gaby Dorsten: Im Herbst 2008 haben wir einen deutlichen Auftragsrückgang gespürt. Als Erstes haben wir die Arbeitszeitkonten abgebaut. Im gesamten Jahr 2009 wurde dann in allen Bereichen des Standortes kurzgearbeitet. Das Maximum waren zehn Tage in einem einzelnen Monat, fünf Tage waren der Schnitt. Das Unter - nehmen hat sich allerdings geweigert, die Zahlungen des Arbeitsamtes aufzustocken. Aber es gab keine Entlassungen. Wir haben die Kurzarbeit von Monat zu Monat neu verhandelt und konnten sie in der zweiten Jahreshälfte zügig reduzieren. Wir haben keinen Tag Kurzarbeit zu viel gemacht. Wir mussten ja dafür sorgen, dass Arbeit gerecht verteilt wird, und das Unternehmen daran hindern auszuprobieren, was alles mit weniger Arbeitszeit geht.

Wie ist das verarbeitet worden?

Gaby Dorsten: Natürlich gab es viel Angst um den Arbeitsplatz. Aber die Kurzarbeit hatte auch Vorteile. Wir haben 2008 in der Produktion kontinuierlich durchgearbeitet, bis auf den Sonntag. Jetzt konnten wir verlängerte Wochenenden einrichten. Auch in der Entwicklung hat man gespürt, dass eine Vier-Tage-Woche ein Stück Lebensqualität ist. Nach Ende der Kurzarbeit war die Bereitschaft zu Mehrarbeit auch nicht mehr so stark ausgeprägt. Inzwischen hat sich das wieder auf dem vorherigen Niveau eingependelt.

Wie wurde das beurteilt, was die IG Metall vorgeschlagen und durchgesetzt hat: Abwrackprämie, Verlängerung der Kurzarbeit, Kreditehilfen, Konjunkturprogramme?

Gaby Dorsten: Wir waren mit der Politik der IG Metall in der Krise sehr zufrieden. Das hat man überall im Betrieb gehört. Sie ist selbst von Leuten, die sonst nichts mit Gewerkschaften am Hut haben, wegen ihrer Weitsicht und ihrem Vorgehen sehr gelobt worden. Das haben wir auch in Betriebsversammlungen angesprochen, nach dem Motto – IG Metall kann Krise. Da haben wir einen guten Job gemacht.

Wird jetzt wieder eingestellt?

Gaby Dorsten: In der Produktion wären dringend Festeinstellungen nötig. Wir arbeiten am Limit. Außerdem muss die Belegschaft unbedingt verjüngt werden. Wir haben einen Altersdurchschnitt von etwa 49 Jahren. Aber das geschieht nicht. Wenn überhaupt, dann sollen Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter eingestellt werden. Dagegen wehren wir uns. Wir versuchen, zumindest befristete Einstellungen durchzusetzen. Das Argument des Unternehmens ist, dass man sich gegen Auftragsschwankungen absichern muss. In unseren Augen heißt das nur, das unternehmerische Risiko auf die Beschäftigten abzuwälzen.

Was bedeutet das für das Arbeitstempo?

Gaby Dorsten: Wir müssten mehr einstellen, um den Arbeitsdruck abzubauen, aber auch mehr in neue Anlagen investieren, um die Arbeit auf mehr Leute verteilen zu können. Im Gegensatz zur Produktion wird im Ingenieurbereich fest eingestellt. Hier haben wir das Problem der langen Arbeitszeiten.

Was hat das für Folgen?

Gaby Dorsten: Die psychischen Erkrankungen nehmen deutlich zu, psychosomatische Beschwerden, das Gefühl, ausgebrannt zu sein, Depressionen. Das gilt für alle Bereiche. Es lässt sich auch mit den Statistiken der Krankenkassen belegen.

Wo wären mehr Einflussmöglichkeiten für Euch als Betriebsräte am dringendsten?

Gaby Dorsten: Wir brauchen mehr Rechte in wirtschaftlichen Angelegenheiten, um Investitionen beeinflussen zu können. Was uns auch maßlos geärgert hat, ist, dass mitten in der Krise Millionen an Dividendenzahlungen an die Aktionäre geflossen sind; Geld, das in dieser Lage besser im Unternehmen geblieben wäre. Ein anderes Beispiel: In die Bemessung der Vorstandsgehälter fließen zu viele ungute Messgrößen mit ein. Sie müssten z. B. gebunden werden an die Schaffung von Arbeitsplätzen statt an den Abbau von Arbeitsplätzen. Wir brauchen bessere Mitbestimmung bei Outsourcing und bei Auslagerung von Produktion ins Ausland. Die Gleichbezahlung bei Leiharbeit und ein ausreichender flächendeckender Mindestlohn müssen gesetzlich ge regelt werden.

Wie siehst Du die ökologischen Herausforderungen für Euch?

Gaby Dorsten: Da sind wir erst mal auf der guten Seite. Unsere Produkte dienen in erster Linie der Reduktion des Kraftstoffverbrauches. Aber langfristig wird es natürlich Umstellungen geben müssen. Es ist wichtig, dass unsere Entwicklungsabteilungen das rechtzeitig auf dem Schirm haben.

Was machst Du, wenn Du etwas Zeit für Dich hast?

Gaby Dorsten: Am liebsten fahre ich dann nach Südfrankreich, in die Sonne. Faulenzen oder chillen, wie das heutzutage etwas attraktiver heißt. Und paddeln, z. B. auf der Ardèche.