Interview mit Michael Woitke

„Wir müssen heute vor allem daran arbeiten, uns wieder mehr aktive Unterstützung zu schaffen. Bildungsarbeit ist da ein ganz wichtiges Instrument.“

 
Michael Woitke und Heidi Lehmkuhl, Mitarbeiterin des Betriebsrates

Wie seid Ihr über die Krise 2008/2009 gekommen?

Michael Woitke: Die Krise hat uns hart getroffen. Wir stellen u. a. Filetiermaschinen für die Fisch- und Geflügel - indus trie her. Daneben vor allem noch Separatoren. Im Bereich Fischverarbeitung sind wir Weltmarktführer. In der Krise kamen mehrere Faktoren zusammen. Die hohen Ölpreise im Vorfeld der Krise haben dazu geführt, dass mehr Biosprit produziert wurde. Dadurch stiegen die Maispreise. Das bedeutete wiederum, dass das Futter für Hähnchen zu teuer wurde. Das führte dort zu Einbrüchen und entsprechend sank die Nachfrage nach unseren Maschinen. Der Verkauf der Fischbearbeitungsmaschinen ging zurück, weil es sich wegen des hohen Ölpreises weniger lohnte, auf Fangfahrt zu gehen. Dazu kam die allgemeine Wirtschaftskrise, von der auch einige Banken betroffen waren, die Projekte in der Fischindustrie finanzieren. Man muss sich die Zusammenhänge in der Weltwirtschaft einmal vorstellen: Die Spekulation um das Öl kommt bei uns über diese Umwege als Geschäftseinbruch an. Aber ich sage immer im Betrieb: Unsere Probleme sind doch harmlos gegen das, was die Menschen in den Entwicklungsländern auszuhalten haben. In Mexiko müssen die ärmeren Be - völkerungs schichten wegen der hohen Maispreise hungern.

Welche Folgen hatte die Krise für die Beschäftigten?

Michael Woitke: Wir sind glücklicherweise ohne Kündigungen über die Krise gekommen. Wir mussten aber massiv Kurzarbeit einsetzen, um den Auftragsrückgang aufzufangen.

Was hat die Krise in den Köpfen der Beschäftigten bewirkt?

Michael Woitke: Das muss man nüchtern sehen. Von der Kurzarbeit ging es bei uns direkt in die Überstunden. Viele Kolleginnen und Kollegen waren erst einmal froh, wieder ordentlich Geld verdienen zu können. Eine solche Krise verunsichert die Menschen auch. Inzwischen hat sich das verändert. Die Firma weigert sich, obwohl die Geschäftslage glänzend ist, die Tariferhöhung vorzuziehen. Das hat eine ziemliche Empörung ausgelöst. Aber die Eigentümerin will dazu in den nächsten Tagen noch eine Erklärung abgeben. Wir sind gespannt, was dabei herauskommt.

Werden die Finanzmärkte und ihr Einfluss kritischer gesehen?

Michael Woitke: Ganz sicher, aber das hat wenig praktische Konsequenzen. Die Menschen haben sich vielfach von der Politik abgewandt. Besonders von den Parteien. Beispiel: Früher gab es viele sozialdemokratische Kolleginnen und Kollegen im Betrieb und besonders im Be triebs rat. Das ist heute ganz anders. Die brachten einfach eine bestimmte politische Grundhaltung mit. Heute gibt es das kaum noch. Allerdings kann ich es sehr gut verstehen, dass Arbeitnehmer sich nicht mehr von der SPD vertreten fühlen, ich sage nur Hartz IV und Rente mit 67.

Was kann die IG Metall in dieser Lage tun?

Michael Woitke: Ich merke das auf Betriebsversammlungen: Überall, wo wir bei zu allgemeinen sozialpolitischen Themen einen Zusammenhang zum Betrieb und zur persönlichen Lage der Beschäftigten herstellen können, da haben wir die Aufmerksamkeit der Menschen. Sie erwarten natürlich auch, dass die IG Metall zu allen Fragen, die die Situation der Arbeitnehmer betreffen, Gesund heitsreform, Rente mit 67, Mindestlohn usw., Stellung bezieht. Wir müssen heute vor allem daran arbeiten, uns wieder mehr aktive Unterstützung zu schaffen.

Wie können wir unsere Arbeit wieder auf eine breitere Basis stellen?

Michael Woitke: Bildungsarbeit ist da ein ganz wichtiges Instrument. Wenn Kolleginnen und Kollegen auf einem Seminar waren, kann man mit ihnen ganz anders reden. Dort kann man sich viel intensiver mit den aktuellen politischen Themen befassen. Das bringt auch einen anderen Geist in das Umfeld im Betrieb. Wir haben es sogar geschafft, über spezielle Seminare bei jungen kaufmännischen Angestellten Interesse für die IG Metall zu wecken und sie als Mitglieder zu gewinnen. Unsere Verwaltungsstelle hat ein Jugendseminar in Englisch entwickelt, damit man gleichzeitig seine Sprachkenntnisse erweitern kann. Da standen unsere jungen Angestellten Schlange. Es fand außerdem auf Malta statt, was mit einem kleinen Eigen - beitrag möglich war. Das war unser Durchbruch.

Du bist auch Referent für Betriebsräteseminare. Was sind Deine Erfahrungen?

Michael Woitke: Das fängt schon bei der Auswahl der Kandidaten für die Betriebsratswahl an. Früher konnten wir bestimmte Anforderungen stellen, z. B. welche Seminare sie schon besucht haben müssen. Heute sind wir froh, wenn wir genügend engagierte Leute finden, die meistens noch nie ein Seminar besucht haben. Wir können nicht mehr so viel voraussetzen wie früher. Wir müssen viel an elementaren Fragen und Haltungen arbeiten. Aber es lohnt sich. Wenn die Kolleginnen und Kollegen unsere IG Metall Seminare besuchen, schaffen wir uns einen ganz anderen Zugang zu den Betrieben. Deswegen halte ich es für falsch, dass so viele zu privaten Anbietern gehen. Da müssen wir als IG Metall viel mehr machen, um nicht an politischem Einfluss zu verlieren.

Welchen Einfluss sollte ein Betriebsrat auf die wirtschaft - liche Entwicklung eines Betriebes haben?

Michael Woitke: Wir hatten die Situation, dass die Ge - schäfts führung lange Zeit kaum noch Investitionen getätigt hatte – nach dem Motto, man kann auch mit alten Maschinen viel Geld verdienen. Wir haben immer dagegengehalten. Erfolglos. Das hat sich erst mit der Ablösung der Geschäftsleitung geändert. Mit mehr Mitbestimmung in wirtschaftlichen Angelegenheiten hätten wir vielleicht eher etwas durchsetzen können. Aber solange die Frage des Eigentums an Produktionsmitteln nicht geklärt ist, wird die Mitbestimmung in wirtschaftlichen Angelegenheiten für mich immer problematisch bleiben. Mehr Rechte, mit denen wir etwas durchsetzen können, ist in Ordnung. Aber wir dürfen uns nicht in eine Unternehmenspolitik hineinziehen lassen, auf die wir keinen wirklichen Einfluss haben, und am Ende dann die Verantwortung von z. B. Entlassungen mit - tragen, anstatt sie als Interessenvertreter konsequent zu bekämpfen. Außerdem müssen wir aufpassen, dass wir nicht durch unsere Tarifpolitik das auszubügeln versuchen, was politisch gegen uns gelaufen ist, z. B. Rente mit 67 durch Altersteilzeit oder mit altersvorsorgewirksamen Leistungen. Dann müssen wir noch zusätzliche Opfer bringen. Stattdessen sollten wir selber mehr politischen Druck entwickeln.

Inwieweit sind wir selber in die Verhältnisse verstrickt?

Michael Woitke: Was mir an Bertholds Buch besonders gefallen hat, war, dass er dieses Problem ganz offen angesprochen hat. Besonders schwierig wird es bei ökologischen Fragen. Hier sind wir oft Täter und Opfer zugleich. Nimm unser Beispiel. Wir sind eng verbunden mit der Massen tierhaltung. Unsere Geflügelfiletiermaschine kann 60.000 Hähnchen pro Tag verarbeiten. Um diese Maschine kontinuierlich mit Nachschub zu versorgen, vegetieren Millionen von Hähnchen elendig vor sich hin, bevor sie geschlachtet werden. Wenn es flächendeckend eine ökologische Tieraufzucht gäbe, könnten wir mit Sicherheit nicht so viele Maschinen verkaufen wie heute und es ließe sich wohl auch weniger Geld damit verdienen. Wir haben im Betriebsrat schon öfter diskutiert, was man denn anderes produzieren könnte. Maschinen und Fachwissen sind vorhanden. Aber es dürfte schwer werden, wieder eine solche Nische zu finden, mit der eine ähnlich hohe Wertschöpfung erzielt werden könnte, von der auch wir profitieren. Wenn die Arbeitsplätze erhalten werden können, sind Umstellungen sicher leichter durchzusetzen. Allerdings ich bin skeptisch, ob es viele Menschen gibt, die aus ökologischen Gründen auf Teile ihres Lebensstandards verzichten würden. Das wird noch heiße Diskussionen geben.

Was für persönliche Rückzugsräume hast Du Dir geschaffen, wenn Du Dich von der ganzen Arbeit einmal erholen willst?

Michael Woitke: Ich habe mir ein Haus in einem kleinen Dorf in Mecklenburg ausgebaut, gar nicht weit von hier. Um das Haus gibt es einen riesigen Garten. Dort bin ich, so oft ich kann, mit meiner Frau und inzwischen auch den drei Enkelkindern. Da fühl’ ich mich rundum wohl.