Interview mit Thomas Schlenz

„Neue Märkte und neue Produkte, da sollten wir Betriebsräte dringend mehr Rechte haben, um Unternehmen notfalls zu Innovationen zwingen zu können.“

 
Thomas Schlenz

Die Ansprüche der Gesellschaft an Unternehmen nehmen zu: Produkte und deren Produktion sollen ökologischer sein. Kann sich ein Betriebsrat überhaupt um solche Fragen kümmern oder steht für ihn unverändert die Höhe des Lohnes, die Zahl und Qualität der Arbeitsplätze alleine im Mittelpunkt?

Thomas Schlenz: Wir brauchen im Prinzip natürlich einen Gleichklang von Ökologie, Ökonomie und sozialem Ausgleich. Das verpflichtet uns beispielsweise zu Folgendem: Wir müssen alles tun, um die Stahl- und Edelstahl-Produktion von Thyssen-Krupp hier in Deutschland zu halten. Das geht aber nur, wenn wir in Deutschland nicht sehr viel härteren Umwelt-Auflagen unterliegen als unsere weltweite Konkurrenz. Das geht schon in die richtige Richtung: mehr Schutz von Natur und Umwelt. Aber: Es darf keine Verzerrungen geben.

Das Management hat ein Ziel: möglichst schnell eine möglichst hohe Rendite. Die Betriebsräte kämpfen dagegen für eine langfristige und soziale, ausge - wogene Unternehmenspolitik. So verlaufen in den meisten Unternehmen die Fronten. Wie verlaufen sie bei Thyssen-Krupp?

Thomas Schlenz: Bei uns ist es nicht anders als in anderen börsennotierten Unternehmen. Die Zwänge und Vorgaben des Kapitalmarktes prägen das unternehmerische Handeln. Und diese Vorgaben sind simpel: bis auf den letzten Cent alles herausholen. Das hat mit einer langfristigen Unternehmensstrategie, wie ich mir sie wünsche, in der Tat oft wenig zu tun. Da passieren dann Fehler, die sonst nicht passieren würden: Meines Erachtens hätte Thyssen-Krupp schon früher intensiver in diese großen Zukunftsmärkte der erneuerbaren Energien und des Elektroantriebs einsteigen müssen. Neue Märkte und neue Produkte, da sollten wir Betriebsräte dringend mehr Rechte haben, um Unternehmen notfalls zu Innovationen zwingen zu können.

Die Politik schwor doch, als Konsequenz aus der Finanzmarktkrise diese Übermacht der Finanz- und Kapitalmärkte zu verringern ...

Thomas Schlenz: ... da hat sich doch gar nichts geändert. Wir haben in diesen Wochen historische Höchstpreise bei Eisenerz und bei Koks. Nicht der alleinige, aber der wesentliche Grund dafür ist die Spekulation. Wir haben im Moment Höchstpreise bei Getreide, auch das wesentlich ein Ergebnis von Spekulation. Und ich denke, diese Getreidepreise, die in bestimmten Regionen nichts anderes als Hunger oder gar Hungertod zur Folge haben, sind auch eine wesent - liche Triebfeder für die politischen Umwälzungen, die wir in diesen Monaten in den arabischen Ländern erleben. Das ist die Realität.

Wie wirken sich solche spekulativen Preisentwicklungen auf Thyssen-Krupp aus?

Thomas Schlenz: Zwei Beispiele: Bei Stahl und Eisenerz, Koks und Kohle können wir zurzeit die erhöhten Kosten noch relativ leicht an den Endverbraucher weitergeben. Die langfristige Folge wird sein, dass beispielsweise sich die Automobilindustrie noch mehr anstrengt, Kohlefaser statt Stahl einzusetzen. Darauf können wir uns ein - stellen. Aber die Spekulation mit Nickel, das ist dagegen für uns eine ständige Bedrohung. Der Tiefstpreis für eine Tonne Nickel lag schon mal bei 8.000 Dollar und der Höchstpreis jetzt bei 57.000 Dollar. Das heißt: Ein Unternehmen wie Thyssen-Krupp macht Gewinne oder Verluste, abhängig davon, wie solche Spekulanten handeln. Das ist abartig.

Warum gelingt es nicht einem Bündnis von Gewerkschaften und Industrie-Kapital auf Ebene der EU, die Macht dieser Kapitalmärkte zu brechen, wenigstens zu zivilisieren?

Thomas Schlenz: Das wird ja versucht. Aber auch die gemeinsame Kraft reicht nicht. Andere Egoismen und Interessen sind weltweit viel stärker.

Führt mehr Mitbestimmung und Demokratie im Unternehmen und am Arbeitsplatz auch zu mehr Motivation, Kreativität und Produktivität?

Thomas Schlenz: Das kann ich aus meiner Erfahrung eindeutig bestätigen. Von mehr Mitbestimmung haben beide Seiten etwas. Ich will aber diesen Begriff Mit - bestimmung genauer definieren: Es geht dabei um die Beteiligung der arbeitenden Menschen auf Augenhöhe. Es geht um eine solche Mitbestimmung in den Aufsichtsräten, da haben wir auch eine gesamtunternehmerische Verantwortung ...

... und das kollidiert nicht mit der Aufgabe, die Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten ...

Thomas Schlenz: ..., nein, ich sehe da keinen Widerspruch. Und dann geht es um die Mitbestimmung bis direkt am Arbeitsplatz. Mitbestimmung ist die entscheidende Grundlage für eine gute Unternehmenskultur.

Gibt es ein Defizit, wo Du sagen würdest, da müssen wir dringend mehr Rechte zur Mitsprache haben?

Thomas Schlenz: Ja, bei der Leiharbeit. Wir sollten dort, wo Leiharbeit wirtschaftlich keinen Sinn macht, ein Veto einlegen können, um Auswüchse verhindern zu können.

Hast Du ein persönliches Kurswechsel-Projekt?

Thomas Schlenz: Ich habe mir ein Ziel gesetzt: Ich will allen Ehrgeiz investieren, um den Standort Deutschland des Unternehmens Thyssen-Krupp zu stärken. 65 Prozent unserer Beschäftigten sind im Ausland. Wir haben jedoch vielfach unter Beweis gestellt, dass man in Deutschland unverändert verlässlich, stabil und effizient industriell produzieren kann. Ich strebe ein Verhältnis von 50:50 an, 50 Prozent der Beschäftigten in Deutschland und im Ausland. Das ist mein Ziel für die kommenden Jahre.